Geschlechterunterschiede in der Vererbung und Verschenkung von Vermögen


ifb Forschungskolloquium am 25.04.2023


Daria Tisch



Geschlechterspezifische Vermögensungleichheiten

Geschlechterunterschiede in der Vererbung und Verschenkung von Vermögen

Geschlechterunterschiede in der Vererbung und Verschenkung von Vermögen

Einstellungen

  • Wie werden ungleiche Transfers bewertet?
  • Nach welchen Gerechtigkeitsprinzipien werden Schenkungen von Eltern an ihre Kinder bewertet?

→ Analyse von Einstellungen mit Hilfe von eigenem Vignettenexperiment

Tatsächliches Verhalten

  • Erhalten Töchter mehr oder weniger Transfers als Söhne?
  • Gibt es Geschlechterunterschiede in der Art des Transfers? Z.B Erbschaft versus Schenkungen oder Vermögenskomponenten

→ Analyse von administrativen Erbschafts- und Schenkungssteuerdaten

Bisherige Literatur

Geschlechterunterschiede im Transferverhalten?

Geschlechterspezifische Gerechtigkeitsprinzipien?

  • Bisher keine direkten Untersuchungen von Gerechtigkeitsprinzipien

  • Wahrscheinlichkeit, nach Scheidung Schenkungen zu erhalten ist größer für Töchter in USA aber nicht in Deutschland (Leopold and Schneider 2011a; McGarry 2016)

  • USA: Unverheiratete Töchter erhalten häufiger Schenkungen (Loxton 2019)

Studie 1: Umfrageexperiment

Theorien und Hypothesen

  1. Gleichheitsprinzip
    → Gleiche Aufteilung der Schenkung zwischen den Kindern
  2. “Equity”-Prinzip (Leistungsprinzip)
    → Proportionale Aufteilung nach der Gegenleistung der Kinder, stärker für Söhne
  3. Bedürftigkeitsprinzip
    → Proportionale Aufteilung nach der Bedürftigkeit der Kinder, stärker für Töchter
  4. Anspruchsprinzip
    → Aufteilung nach zugeschriebenen Statuseigenschaften (Geschlecht, Alter): mehr für Erstgeborene und mehr für Söhne





Daten & Methoden


Methode

  • Vignettenexperiment (Multifactorial survey experiment): Befragte sollten Schenkung zwischen der Tochter und dem Sohn eines hypothetischen Paares aufteilen
  • Abhängige Variable: Aufteilung von 10.000 Euro zwischen Tochter und Sohn
  • Erklärende Variablen: Randominisierte Eigenschaften der Kinder
  • 3 x 3 x 3 Design

Daten

  • SoSci Panel (2020) (Online Access Panel)
  • 714 Befragte, 2.142 Vignettenevaluationen

Experimentelle Bedingungen

Dimension Ausprägungen (Levels)
Erstgeburt
  1. Sohn erstgeboren
  2. Zwillinge
  3. Tochter erstgeboren
Hilfe
  1. Sohn hilft |
  2. Beide helfen |
  3. Tochter hilft
Bedürftigkeit
  1. Sohn arbeitslos
  2. Beide verdienen gleich viel
  3. Tochter arbeitslos

Vignettenbeispiel

Ergebnisse: vorhergesagte Werte

Ergebnisse: Regressionskoeffizienten

Ergebnisse und Schlussfolgerungen

  • 65% der Befragten haben die 10,000 EUR in allen drei Vignetten gleich zwischen den Kindern aufgeteilt
  • Große Evidenz für das Gleichheitsprinzip
  • Aber Gleichheitsprinzip konkurriert mit Bedüftigkeits- und Austauschprinzip
  • Wenig Evidenz für das Anspruchsprinzip (nur in Verbindung mit Bedüftigkeits- und Austauschprinzip)

Gerechtigkeitsprinzipien als Erklärung von Geschlechterunterschieden in Vermögen?

  • Familie könnte Ungleichheiten ausgleichen (Bedürftigkeitsprinzip)
  • Kein Hinweis, dass vorherrschende Gerechtigkeitsprinzipien ungleiche Verteilung von Schenkungen zwischen Töchtern und Söhnen rechtfertigen → Situationsabhängigkeit
  • Aber spiegeln sich egalitäre Einstellungen in Transferverhalten wieder?



Studie 2:
Tatsächliches Verhalten

(work in progress,
together with Manuel Schechtl)

Geschlechterspezifische Transfers an der Spitze der Transferverteilung

  • Trotz Gleichheitsnorm, können ungleiche Transfers an Söhne und Töchter gerechtfertigt werden.
  • Dynastisches Prinzip: Eltern möchten, dass bestimmte Vermögenskomponenten (“Structuring Assets”) in der Familie gehalten und nicht aufgeteilt werden (Bessière and Gollac 2023)
  • Eltern wählen Erben der strukturierenden Vermögenskomponenten nach bestimmten Charakteristiken aus. Unbewusster Geschlechterbias?
  • Tochter und Söhne erhalten andere Vermögenskomponenten mit unterschiedlichen Akkumulationspotential

Gibt es Geschlechterunterschiede im Transfer von großen Vermögen?

Daten

  • Erbschafts- und Schenkungssteuerstatistik (2007-2020)
  • Beinhalten alle Schenkungen und Erbschaften für die eine Steuererklärung angefordert wurde
  • Vorteil: Vollerhebung aller steuerlich relevanten Transfers
  • Nachteil: Niedrige Erbschaften und Schenkungen nicht enthalten. Beinhalten etwa 30% aller Erbschaften, die allerdings 73% aller Transfers über 10.000 EUR ausmachen (Bach et al. 2014)

Deutsches Erbschafts- und Schenkungs(steuer)recht

  • Erbschaften
    • Testament (Vermächntnisse und Erbquote) oder gesetzliche Erbfolge
    • eingeschräkte Testierfreiheit: Enterben möglich, aber Pflichtteilanspruch!
  • Schenkungen: keine Einschränkungen, vollkommene Freiheit
  • Erbschafts- und Schenkungssteuer
    • persönliche Freibeträge: zB 400.000 EUR alle 10 Jahre pro Elternteil
    • sachliche Freibeträge: Unternehmen, Land/Forst, Familienheim, persönliche Gegenstände

Methode

Analyseverfahren

  • Deskriptive Analysen
  • OLS Regressionen

Variablen

  • Steuerrelevante Transfers: Erbschaften und Schenkungen
  • Vermächtnisse

Geschlechterunterschiede in steuerrelevanten Transfers

Statistik Verhältnis (Männer/Frauen) Lücke
(((Frauen-Männer)/Männer)*100)
Schenkung mean 1.11 -9.91
Erbschaft mean 1.07 -6.73
Schenkung N 1.43 -29.87
Erbschaft N 1.08 -7.09
Schenkung Summe 1.59 -37.06
Erbschaft Summe 1.15 -13.28

Geschlechterverhältnis in der Anzahl an Transfers nach Transferart

Geschlechterverhältnis in der Anzahl von Transfers nach Transferart, Vermögenskomponenten und Dezilen

Geschlechterunterschiede in den Vermächntnissen

type male female ratio gap
mean 570684.07 512527.85 1.11 -10.19
p25 66381.05 61440.20 1.08 -7.44
p50 219260.06 203848.76 1.08 -7.03
p75 463863.73 437307.46 1.06 -5.73
p90 967980.72 903252.59 1.07 -6.69
p99 5984450.00 5555508.35 1.08 -7.17
N 24077.00 22851.00 1.05 -5.09
sum 13740360243.86 11711773888.34 1.17 -14.76

Regression: Schenkungen (2007-2020)

M1 (b) M1 (se) M2 (b) M2 (se)
Receiver female -1.857*** 0.11 -3.058*** 0.77
Business (indicator) 27.73*** 0.20
Business (indicator) * Receiver female 3.894*** 0.36
Land (indicator) -0.107 0.23
Land (indicator) * Receiver female -4.262*** 0.43
Other wealth (indicator) 2.836*** 0.20
Other wealth (indicator) * Receiver female 0.385 0.35
Estate (indicator) 18.06*** 0.20
Estate (indicator) * Receiver female 4.236*** 0.34
Donor female -2.301*** 0.14
Donor female * Receiver female 1.178*** 0.22
Age (receiver) 0.113*** 0.01
Age (receiver) * Receiver female -0.0207* 0.01
Age (donor) -0.124*** 0.01
Age (donor) * Receiver female 0.0182 0.01
West 3.717*** 0.25
West * Receiver female -0.659 0.39
Intercept 51.00*** 0.23 35.24*** 0.53
N 273030 257712
0.00 0.18
Gender Gap -1.857 -0.369
p value (Gender Gap) 0.00 0.00

Regression: Erbschaften (2007-2020)

M1 (b) M1 (se) M2 (b) M2 (se)
Receiver female -0.0950 0.12 0.122 1.11
Business (indicator) 13.44*** 0.24
Business (indicator) * Receiver female -0.780* 0.35
Land (indicator) -3.501*** 0.23
Land (indicator) * Receiver female -0.526 0.33
Other wealth (indicator) -1.825*** 0.33
Other wealth (indicator) * Receiver female 0.226 0.48
Estate (indicator) 10.89*** 0.21
Estate (indicator) * Receiver female -0.200 0.30
Donor female 0.999*** 0.17
Donor female * Receiver female 0.137 0.25
Age (receiver) -0.0186 0.01
Age (receiver) * Receiver female -0.0179 0.02
Age (donor) 0.213*** 0.01
Age (donor) * Receiver female 0.0246 0.02
West 1.598*** 0.39
West * Receiver female -1.146* 0.57
Intercept 50.50*** 0.22 24.92*** 0.80
N 240100 229874
0.00 0.05
Gender Gap -0.095 0.060
p value (Gender Gap) 0.42 0.61

Zusammenfassung

Geschlechterspezifische Einstellungen

  • Gleichheitsnorm dominiert, aber in Konkurrenz mit Gerechtigkeitsprinzipien, die Ungleichheit in Transfers zwischen Kindern rechtfertigen
  • Hinweise auf geschlechterspezifische Rechtfertigungen

Geschlechterunterschiede in steuerrelvanten Transfers

  • Männer erhielten mehr Erbschaften und mehr Schenkungen
  • Geschlechterunterschiede sind bei Schenkungen viel größer als bei Erbschaften: Rolle des Erbrechts?
  • Geschlechterunterschiede variieren je nach Vermögenskomponente

→ Zumindest an der Spitze der Transferverteilung spiegelt Transferverhalten nicht die Gleichheitsnorm wider

Contact: tisch@mpifg.de | https://dariatisch.github.io/

References

Bach, Stefan, Henriette Houben, Ralf Maiterth, and Richard Ochmann. 2014. “Aufkommens-Und Verteilungswirkungen von Reformalternativen Für Die Erbschaft-Und Schenkungsteuer. Endbericht: Forschungsprojekt Im Auftrag Der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen.” Politikberatung Kompakt.
Bach, Stefan, and Thomas Mertz. 2016. “Vor Der Erbschaftsteuerreform: Nutzung Der Firmenprivilegien Hat Minderjährige Zu Multimillionären Gemacht.” DIW Wochenbericht 83 (36): 812–20.
Bessière, Céline, and Sibylle Gollac. 2023. The Gender of Capital: How Families Perpetuate Wealth Inequality. Harvard University Press. https://doi.org/10.4159/9780674292796.
Deindl, Christian, and Bettina Isengard. 2011. “Familiale Unterstützung Und Soziale Ungleichheit in Europa.” In, 23–47. Springer.
Leopold, Thomas, and Thorsten Schneider. 2011a. “Family Events and the Timing of Intergenerational Transfers.” Social Forces 90 (2): 595–616. https://www.jstor.org/stable/41682668.
———. 2011b. “Intergenerationale Vermögenstransfers Und Soziale Ungleichheit.” In, 49–72. Springer.
Loxton, Abigail. 2019. “Gender Differences in Inter Vivos Transfers.” CAEPR Working Papers 2: 1–24. https://doi.org/10.2139/ssrn.3342730.
McGarry, Kathleen. 2016. “Dynamic Aspects of Family Transfers.” Journal of Public Economics 137 (May): 1–13. https://doi.org/10.1016/j.jpubeco.2016.03.008.
Vogel, Claudia, H. Künemund, K. Baresel, H. Eulitz, U. Fachinger, M. M. Grabka, C. Halbmeier, and A. Lozano Alcántara. 2021. “Gleiche Erbchancen Für Frauen Und Männer? Zur Geschlechtsspezifschen Bedeutung von Erbschaften Für Die Alterssicherung.” Deutsche Rentenversicherung 3: 236–51.
Wong, Edwin S. 2013. “Gender Preference and Transfers from Parents to Children: An Inter-Regional Comparison.” International Review of Applied Economics 27 (1): 61–80.

Geschlechterunterschiede in steuerrelevanten Transfers

Statistic Female Male Ratio (male/female) Gap (((female-male)/male)*100)
Gift mean 1004463.98 1115012.93 1.11 -9.91
Inheritance mean 772266.90 828004.81 1.07 -6.73
Gift N 112547.00 160483.00 1.43 -29.87
Inheritance N 115639.00 124461.00 1.08 -7.09
Gift sum 117310465326.59 186390339335.89 1.59 -37.06
Inheritance sum 88705896524.37 102293945810.52 1.15 -13.28